Dienstag

[Simba zu Nala]

Die Ubahnsitze, auf denen wir sitzen, die Ubahnsitze sind violett.
Die Ubahnsitze, auf denen wir sitzen, seit zwanzig Minuten, die violetten Ubahnsitze sind glatt.
Glatt, sodass man umherrutschen muss, von links nach rechts und zurück., wieder nach links.
Das Berliner Fenster, dieses rechteckige, das Berliner Fenster zeigt das Wetter.
Das Wetter ist  wolkig bis heiter, von Mittwoch bis Samstag ist es wolkig bis heiter.
Wohin wir unterwegs sind weiß der Mann uns gegenüber nicht, der mit der Brille, der Mann.
Vielleicht haben wir Zitroneneis in der Hand, wenn jetzt Sommer wäre, könnte es uns die Hände auch hinunterlaufen, weil es heiß wäre, unaushaltbar heiß hier in der Ubahn.
So heiß wäre es, dass man aussteigen würde, sich auf den kühlen Steinboden legen, und Niemand würde pikiert schauen. Man würde dort also liegen, die Hände fahrig über der kühlen Steinoberfläche oder einem Arm, der keine Ärmel hätte. Es wäre ja heiß.
Und man könnte in einem alten Van sitzen, hoch zum Meer. Und das Radio würde alten Blues spielen, vielleicht alles bekannt aus einem Film mit Tom Hanks. Und die Vorstellung von Menschen aber keinem Kinn, tanzend im Türrahmen.
Dann wäre der Van plötlch zu alt, zu kaputt zum weiterfahren und man müsste in einem Mohnfeld übernachten, wo die Sonne schon alles mohnrot gefärbt hat. Und vielleicht gäbe es Wölfe.
Es wäre sehr gefährlich.
Und dann würde man morgens schwimmen, in einem Fluß, vielleicht einem Strom oder einem Bach.
Aber jetzt ist Winter. Im Winter schneit es. Und wenn es schneit, kann man im Märkischen Viertel von Bergen fahren.

Montag

Besucher

Erzbischoff sitzt auf Mutters Ecksofa.
Wie denn das Wetter sei, da wo er herkommt. Heute.
Ganz wunderbar, sagt der Erzbischoff und entledigt sich der Zitronenschale, indem er sie hinter dem Zuckertöpfchen plaziert.
Und der Hund? Was mache der Hund? Sie habe ihn lang nicht gesehen.
Verzweifelt lächelt der Erzbischoff, wahre Leiden bevölkern sein schweres Herz und die Mutter erkundigt sich nach dem Hund.
Gut, ausgezeichnet. Schönes Fell, Nase feucht.
Und dir? Junge, Wie geht es dir?
Die Gesichtsmuskulatur erschlafft, wehleidig ist das Gesicht jetzt der Mutter zugewandt. Die Hand schwitzend am Porzellanhenkel.
Schön, gut, weiches Fell, feuchte Nase. Die Wortfetzen aus dem Mund des Erzbischoffs werfen sich selbst, katapultieren sich, Frequenz hoch.
Die Mutter sieht den Vater an, der bisher still gewesen war. Er sagt: Junge, wir lieben dich.
Der Erzbischoff spürt den dünnen Stoff der Tischdecke an seiner Wade.
Vater, Mutter. Ich regiere das Land. Und immer wird alles schwarz, wenn ich Gymnastik betreibe. Dabei hat das der Arzt empfohlen.
Die Eltern schütteln empört die Köpfe.
Der Arzt, fährt der Erzbischoff fort und rückt unwillens auf dem Ecksofa hin und her, der Arzt sei ein Fachmann.
Die Mutter erhebt sich zögerlich, dann schüttet sie unaufgefordert Milch in die Porzellantasse.
Vaters Blick geht zum Arzt, den der Zuschauer jetzt bemerken soll.
Und sie küssen meinen Sohn?
Die Mutter fällt in die weichen Kissen. Arnold!
Ja, der Erzbischoff erhebt sich.
Und der Hund hat weiches Fell und eine feuchte Nase!
Das Ecksofa zerbricht, scheppernd fliegen Splitter vom Porzellan in die Diele.

Dienstag

You say fuck this, I say fuck that!

"Hast du dich da gestoßen?"
"Wo?"
"Na da am Hals."
"Wo denn?"
"Da wo das so blau ist."
"Ach da, achso."
"Und?"
"Ehm ja, hingefallen."
"Oh je! Hats wehgetan?"
"Bisschen."
"Geblutet?"
"Och."
"Erzähl mal! Hast du schonmal Jemanden bluten sehen?!"
"Mh. Dein Papa wär nicht so froh, wenn wir solche Gespräche führen würden!"
"Ach, der. Hast du schonmal abgetrennte Körperteile gesehen?"
"Elias, du bist acht."
"Und du hälst mich für völlig bescheuert."
"Tu ich nicht."
"Wohl. Laura hat auch manchmal blaue Flecke am Hals und dann ist die nicht hingefallen."
"Wer ist Laura?"
"Interessierts dich?"
"Kein Bisschen."
"John Foggelty oder White Stripes? Schwänzt du manchmal die Schule?"
"White Stripes. Nie. Hör auf sowas zu fragen."
"Warum?"
"Na findest du nicht, wir sollten über Plüschtiere reden?"
"Okay."
"Wer ist er hier?"
"Das ist Jimmy Morrison, den hab ich schon ganz lang. Aber der ist tot."
"Okay, weißt du was, ich lese dir jetzt Edgar Ellen Poe vor, dann gibst du Ruhe."
"Ne, nicht den. Den darf ich noch nicht hören."


[Vater kommt rein "Na, alles gut geklappt?" "Joar, klar." "Die wollte mir Edgar Ellen Poe vorlesen." "Ich möchte, dass du in Zukunft eher das Sams liest, haben wir uns verstanden?!" "Aber.."]

Montag

Zeitgeist pflückt Mohnblume

Ich möchte Jemanden mitnehmen in meinem großen Flugzeug, Yeah- Hey. Hey- Yeah.
Meine Kleider sind nass, vor dem Ofen werde ich mir bewusst wie wahnsinnig schön ich bin.
Weil: Manchmal laufe ich nachts durch Reihen parkender Autos und summe dabei ein Lied, wenn es nicht vom Meer handelt, handelt es vom Wind.
Und manchmal blättere ich vorsichtig dünne Papierseiten, die ganze Welt ist dann fragil.
Ab und zu sitze ich mit geschlossenen Augen und Kaffee auf der Fensterbank und lausche.
Sehr selten, da pflücke ich eine Mohnblume und bewahre sie auf, um sie einer besonderen Person zu schenken.
Ich lausche heute nicht, meine Ohren sind verliehen an wichtige Aufgaben.
Ich summe heute nicht, mein Mund wirft nur Sachtexte aus.
Ich berühre heute nichts, es könnte mir zerbrechen unter den zitternden Händen.
Ich pflücke nur eine Mohnblume, bewahre sie so lang auf, bis Jemand in mein großes Flugzeug steigt.

Sonntag

Wenn man aus allen Kasetten das Magnetband nähme, ginge viel verloren.

How you doin?
 Almost through with my final stuff.
Your final stuff?
 Yeah, you know.. like all my final stuff.
Alright, fine.
  What about you? Still with her?
With whom her?
 With her-her!
Ah. We're broke.
 How come?
Stuff..
 Oh, stuff.
Yeah.
 Well...society.
Society?
 Just saying. It's important to talk over.
Right. To my mind it's all bullshit.
 What?
Society.
 Yeah and the stuff all those presidents...
You must be very engaged.
 I am. I am.
Then why not us two stick together.
 What?
I like how stuff comes.
 What?
You like stuff, I like stuff... why not be together?
 Got it! Why not.
See?
 Guess we should kiss and stuff then.
Does this has to be?
 Think so?
 [Gives a try]
It's not workin out.
 Well. Love is strange.
Like what?
 Like stuff.

Samstag

Kopplung des Kleinhirns an Ereignis X

"Ich dachte, vielleicht können wir Freunde sein?" sagte das kleine Tier zum Großen.
"Wie stellst du dir das vor? Wir sind ja nichtmal gleichgroß."
[Verzweiflung, Nahaufnahme, Cut]
Ich sitze auf dem klebrigen U-Bahnsitz und sehe Berliner Fenster. Mir gegenüber abgefuckte Studenten in Pastell, the color to wear at the moment for those who have nothing but love.
Der Kurzfilm hat sieben alternative Filmpreise gewonnen, lief in Cannes und Berlin vor Hunderten und jetzt werfen sie ihn uns in der U6 um halb vier früh vor die Füße. Kulturbombing, ich wollte meine Doktorarbeit darüber schreiben aber jetzt habe ich besseres vor.
Befinde mich auf Studienreise, Absurdes und Wahres zu studieren, inmitten von Kotze und Liebe und Krankheit, inmitten von Berlin.
Die Studenten vor mir streichen liebevoll über die mellierten Plastikbezüge der Sitze [graubraungelb], ich tippe auf einen fiesen Trip. Andauernd referiere ich über das Übel chemischer Drogen, es ging soweit dass ich beinahe in einen Rechtsstreit mit dem Berghain geraten bin. Beinahe. Ich hatte drei selbstgemalte Plakate an deren Wand geheftet, ein Türsteher rief mir zu, ich solle das doch bitte lassen, ich wollte nein sagen, rannte jedoch weg. Aber ich war wirklich kurz davor. Echt.
Steige aus, Hallisches Tor. Noch am Bahnsteig zücke ich mein Notizbuch und schreibe über eine komplette Seite GENTRIFIZIERUNG. Ich finde das sehr passend. Ich ziehe mich nämlich täglich selbst an den Haaren aus dem Sumpf indem ich immer und immer wieder meinen Hass auf alles pseudoalternative mit Mate wie einen Schild vor mir her trage. Dabei bereite ich den armen Künstlern mit nichttauglichen Brillen und Stoffbeutreln, die alle [!!!] viel zu hohe Mieten bezahlen, ein Einheitsklischee und sitze irgendwann ausgelaugt allein im Wedding, dem Land wo noch Milch und türkischer Honig fließen.
Also streiche ich GENTRIFIZIERUNG und schreibe auf die nächste Seite ITS BEEN A WHILE AND YOU FOUND SOMEONE BETTER.
Nicht sicher um die Rechtschreibung.
Abgefuckt.
Ich bin übertrieben rebellisch drauf und trete eine Werintraube kaputt. Weil die da liegt.
Dann verlasse ich den U-Bahnhof und denke "Fuck, es ist hell und ich habe nichts gelernt, education is bullshit und ich will schlafen."
Darum: Wieder runter, rein in den Bahnhof, die Bahn und auf den Vierer, wo eine junge Frau mit Brille sitzt und hektisch in ihrem Notizbuch herumstreicht.
"Sorry? Kann ich dich was fragen?"
Sie blickt nervös von ihren Seiten auf und guckt irritiert.
"Für ne Studie, gewissermaßen."
"Ja, klar...?"
"Bist du ausm Wedding?"
Sie sieht mir in die Augen, dann atmet sie ein, checkt mich ab und dann gehts los:
"Fich dich, alter! Natürlich! Seh ich aus wie son Pseudoalternativer Pastellstudent aus London oder Prenzlberg? Mutter bin ich auch nicht und weißt du was?! Ihr beschissenen gentrifizierten Kreuzberger könnt mich mal sowas von, macht Kunst die keine ist und druckt sie euch auf euzre Beute! Berlin ist übertrieben Hipster! Yeah man, Und Brillen, die wir nich brauchen! Ich kotz dich gleich an, wirklich, nimm die ab oder ich tret dir in die Magengrube dass dein Thaicurry von heute dazwischen-aml.snacken wieder rauskommt!"


[Ich nehme meine Brille ab und schreibe: EREIGNISLOS bei Heute]